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Hans-Peter Raddatz - "Fortschritt mit Allah"
Für euch der vollständige neue Text von Hans-Peter Raddatz:
Zitat:
Hans-Peter Raddatz
Fortschritt mit Allah
Ein islamisches Europa aus antichristlichem Geist
1. Der interkulturelle Rahmen
Es gibt wenige Themen, über die so viel geschrieben worden ist wie über die
Aufklärung und Moderne. Ihre Vielfalt in Politik, Wissenschaft und Philosophie
sowie ihre wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Impulse, die sich technischindustriell und kommunikativ global ausbreiten, ihre Potentiale des Wohlstands, aber auch der Armut und Gewalt, haben eine immense Masse an Darstellungen hervorgebracht, die inzwischen ganze Bibliotheken füllt. Es ist diese Vielfalt, die zwischen ihren theoretischen Wurzeln und praktischen Ergebnissen die pluralistische Realität aufspannt und bislang – bis auf wenige Ansätze im 20. Jahrhundert – eine kohärente Theorie der Modernisierung verhindert hat.
Wir wollen hier weder den unbescheidenen Versuch starten, diesem Manko
Abhilfe zu schaffen, noch den Ehrgeiz entwickeln, den großen „Ismen“ wie
Kapitalismus, Sozialismus, Liberalismus etc. sowie den weiteren Wissens- und
Spezialsegmenten, ganz zu schweigen von den Natur-, Sprach- und Systemwissenschaften, irgendetwas vermeintlich Notwendiges, vielleicht sogar eher Überflüssiges hinzuzufügen. Vielmehr sollen die Markenzeichen der Moderne – Freiheit und Fortschritt – in einem weit gezogenen Rahmen darauf untersucht werden, in welcher Weise sie als maßgeblich nicht nur für die technische, sondern auch kulturelle Entwicklung der europäischen Gesellschaft zu betrachten sind.
Der Autor dieses Beitrags hat in den letzten neun Jahren neun Publikationen
vorgelegt, die sich mit interkulturellen Themen befassen, insbesondere mit der
westlichen Gesellschaft in der Begegnung mit der islamischen Kultur. Dabei
wurden rechtliche, politreligiöse und soziale Unterschiede deutlich, die sich in
Dauerdiskussionen und konkreten Konflikten niederschlagen und in dem seit
einem halben Jahrhundert laufenden „Dialog“ nicht lösen ließen. Sowohl im
Rahmen der Zuwanderung als auch des Israel-Palästina-Konflikts blieb eine
Frage immer dieselbe: die Scharia, das islamische Recht, dessen Imperialität den Muslimen ebensowenig Kompromißraum läßt, wie es mit dem westlichen, staatlich begrenzten Verfassungsrecht kompatibel ist.
Hier ging und geht es in der Hauptsache um die Dominanz der Religion über den Staat und die damit verbundene Interpretation der Bürger- und Menschenrechte, die über die westliche Religionsfreiheit weite, bislang ungeklärte Konfliktfelder aktivieren. Allerdings entstand im Rahmen der EU – etwa über den gleichen Zeitraum hinweg – eine supranationale, ihrerseits imperiale Souveränität, die von nicht gewählten Personen ausgeübt wird und inzwischen knapp 80 Prozent der Staatssouveränität an sich gezogen hat. Daß sich dabei die Parteisysteme der Staaten vom demokratischen Regelwerk entfernen, ist ein westweites Problem, das Hans-Herbert von Arnim am Beispiel Deutschlands detailliert belegt.
Dieser rechtlich-politische Schwebezustand soll durch eine europäische Verfassung bzw. den Lissabon-Vertrag legitimiert werden, wobei die Nachträglichkeit beider Dokumente den feudalen Entscheidungsprozeß im EU-Rahmen insgesamt bestätigt. Neben vielem anderem sollen sie die Probleme aus Zuwanderung und Integration anderer Kulturen für alle EU-Staaten einheitlich regeln. Freilich kann es ohne einen intakten Diskurs keine demokratische Mitsprache geben, wobei der EU-Prozeß zwei Schwächen nutzt: Weder besteht daran ein öffentliches Interesse, noch stellen die Kommentare der Verfassungsgerichte der Staaten den Neo-Feudalismus der EU nachhaltig in Frage.
Damit wurde die Ökonomie zum Primat der Politik. Die „bürgerliche Gesellschaft“ wandelte sich in ein funktionales Netzwerk, das pauschal, aber nicht unzutreffend zur 80-20-Gesellschaft wurde. An die Stelle der demokratischen Mehrheit trat die Minderheit der privilegierten 20 Prozent, die auf Staatenebene das EU-Feudalprinzip abbilden und die „Road Maps“, die politsozialen Entscheidungen nach ideologischen und finanziellen Kalkülen herbeiführen. Mit dem Modulprinzip des flexiblen, wurzellosen „Jobnomaden“ folgen sie der pragmatischen Auslegung, nach der Technologien effizient, nützlich und sozial wertvoll sein sollen.
Äußerst plastisch belegt die letzte Finanzkrise, daß die Steuerpotentiale der Staaten die Dynamik der Produktivität und Finanzmärkte finanzieren, wobei die
börsentechnische Umverteilung des Shareholder Value die 80-20-Schere weiter auseinanderzwingt. In diesem Rahmen wurde die Ebene der Konzern- und Bankleitungen zu einem supranationalen Gesetzgeber sui generis, der die nationalen Staaten zu dienstbaren Institutionen und in seinem Sinne „sozial wertvoll“ macht. Aus dieser Sicht wandelte sich die bürgerliche Gesellschaft vom Sozialfaktor zum Universalfaktor, der eine „Win-Win-Situation“ der machttechnischen Art schuf: Kurzfristigen, finanziellen Gewinn bringt der Ausgleich der Blasenverluste durch den Steuerzahler, und langfristiger, ideologischer Gewinn entsteht durch die Schwächung des Sozialstaates, der neben der Sozialethik der Kirche das nach wie vor wirksame Gegenbild der aufklärerischen Moderne darstellt.
Indem sich dieser Prozeß global entfaltet, bilden sich interkulturelle Prioritäten,
die sowohl historischen als auch wirtschaftlichen Kriterien folgen. Ein prägnantes Beispiel für den Primat anderer Kulturen liefert erneut Europa, das unter USÄgide auf eine EU-weite Regelung vorgriff und schon seit den 1970er Jahren eine den Islam massiv fördernde Migrationspolitik betrieb. Indem man dabei zunächst die Arabische Liga und seit den 90er Jahren, verstärkt durch den New Yorker 9/11-Anschlag von 2001, die OIC, die Organization of the Islamic Conference, ins Spiel brachte, entstand ein neuer Politikfaktor, der offizieller Sprachregelung zufolge „Miteigner Europas“ ist.
Diese primär arabische, zunehmend türkisch begleitete Miteignerschaft, vertreten durch dem EU-Parlament angegliederte Gremien, wirkt nicht nur in die Gestaltung des EU-Islamdialogs, sondern auch in die EU-Israelpolitik hinein. Sowohl in Sachen Scharia als auch Palästinakonflikt hat sich ein Trend verfestigt, der sich einem „herrschaftsfreien“ Diskurs verschließt. Die Medienkampagnen und Straßendemonstrationen des Frühjahrs 2009, die gegen Staat und Kirche allgemein sowie Israel und Papst speziell zu Felde zogen, ließen in Deutschland – mit Abstrichen bei den Nachbarn – eine aggressive Minderheit erkennen, die allerdings die dominanten 20 Prozent der institutionalisierten Interkultur im Rücken hatte. Als eine ihrer wenigen Traditionen konserviert die Moderne das Friedensprinzip des Islam, das aus dem Orientalismus der Aufklärung kommt und nun zum festen Bestand der EU-Politik gehört. Dabei erweist sich dieses Prinzip, indem es sich historisch gegen jüdisch-christliche Traditionen und die demokratische Verfassung stellt, als mit den klassischen Feindbildern der Moderne – Kirche und Staat – kompatibel.
2. Der „theonische“ Machtprozeß
Indem die Aufklärer ihre Legitimität einst aus der Definition gegen den Absolutismus von Kirche und Staat bezogen, beanspruchten sie die Macht, die sich allerdings nur durch vergleichbar wirksame Gegenkräfte besetzen ließ: Wissen und Kapital. Um ein derart umfassendes und nicht ganz ungefährliches Projekt in Gang zu bringen, mußte man es auch methodisch alternativ, d.h. geheim betreiben.
Die Dialektik zwischen Aufklärung und Geheimnis ist der Motor des modernen
Fortschritts (s.u.), der mit Wissen und Kapital betrieben wird und heute
mit ungeheurem Aufwand das globale „Humankapital“ aktiviert.
Unter dem Begriff der Säkularisierung speist sich der aktuelle Prozeß des globalen Fortschritts noch immer aus den Quellen der Aufklärung, wobei sich weder die Definition gegen Kirche und Staat, noch die Dialektik von Information und Geheimnis – heute eine Mischung aus Kapitalismus und moderner Komplexität – wesentlich verändert haben. Was der Prozeß indessen zum Vorschein gebracht hat und unsere Betrachtung lohnend erscheinen läßt, liegt in der Verbindung beider Dialektiken, aus der sich auf übergeordneter Ebene die Macht selbst formiert.
Indem sie Wissen und Kapital kontrolliert, zieht die Macht die Menschen
an sich und besetzt Herrschaft und Opposition zugleich. Eric Voegelin zufolge
macht dieses Prinzip den Positivismus eines Auguste Comte zum Hauptprogramm der Moderne und somit den Gegensatz von Fortschritt und Kulturkritik zu einem monströsen Scheingefecht.
Auf dieser Ebene öffnete die Definition gegen Kirchen- und Staatsmacht den
neuen Deutungsraum der Wissenschaft, der das Kapital auf- und die Religion
abwertet. Folgerichtig gibt es dort kaum noch Teufel, dafür aber Ketzer in Gestalt von Widerständen, die sich im unabhängigen Denken des Menschen und im Sozialanspruch der Gemeinschaft als Kostenfaktor ausdrücken. Dem scheint speziell der technische Fortschritt dadurch Abhilfe zu schaffen, daß er über die audiovisuelle Kommunikation die geistigen und politischen Freiheitsgrade der Masse graduell verengt. Dazu komplementär verläuft der Machtprozeß, den zunehmend anonyme Eliten führen. Indem sie selbst über konforme Medien die „öffentliche Meinung“ formulieren, mutieren sie zu einer symbolisch agierenden Machtform, der in „unbewußter Komplizenschaft“ (Pierre Bourdieu) gehorcht wird, ohne als faktische Macht erkannt werden zu können.
Da Macht, ob religiös oder säkular ausgeübt, eine unveränderbare Größe ist,
nutzen ihre Vertreter ähnliche Begriffe. Im Sinne des Machterhalts sollen sie das Denken und damit das Böse blockieren, repräsentiert durch die Abweichler und Ketzer. Wichtig sind hier bestimmte „Mysterien“, modern gewendet die „Komplexität“, die unter Generalverdacht stellen, wer nach dem Warum oder der Moral des angeblich Undurchschaubaren fragt. Die Aufklärer unterliefen das Problem, indem sie jede Wahrheit relativierten. Sie schufen den Freiraum für mehrdeutige „Fakten“, mit denen sie sich selbst als Factor (Lat.: = Macher, Gott), als Fabrikanten der Wirklichkeit bzw. eines neuen Weltbildes einsetzten, aus dem das herkömmliche Gottesbild allmählich verschwand.
Da somit die Fakten nicht nur entstehen, sondern auch willkürlich „gemacht“
werden, sind die Fabrikanten ebenso Fictor (= Urheber, Lügenmeister), eine
ambivalente, aber verbindliche Kraft, die das Mögliche ins Wirkliche wandelt
und zum Träger eines janusköpfigen Fortschritts wird. Der drückt nichts anderes als die moderne Macht aus, die als anthropologische Konstante ihrerseits das Metaphysische an sich zieht. Indem sie sich gegen das klerikale Christentum definiert, erweckt die Aufklärung den Anschein, gegen die Religion an sich zu sein, verhüllt aber ihren eigenen Religionscharakter, eine komplexe „Tatsache“, die in jüngerer Zeit unter dem Begriff der „unsichtbaren Religion“ (Thomas Luckmann) zu einem ergiebigen Forschungsobjekt wurde.
Während die zweideutige Identität der Aufklärung zwischen Politik und Religion, Factor und Fictor, Sein und Schein bis heute die Schnittstelle für verdummende Machtmethoden und interkulturelle Scharlatane ist, läßt sich das Prinzip selbst nur durch die Verknüpfung mehrerer Aspekte verdeutlichen, die nicht direkt durchschaubar sind und zudem auf unterschiedlichen Denkebenen ablaufen:
1. Da Christus die Macht übersteigt und zugleich ihr Opfer ist, verbindet er das
Göttliche mit dem Menschlichen – das einzige Gottesprinzip, das den Geist des
Menschen der Macht entzieht. Mithin tritt er nur bedingt als der Stifter eines
Christentums auf, das der Klerikalismus mit der historischen Machtkirche daraus
„machte“.
2. Als Gegenkraft setzt seit der Renaissance der „Hermetismus“ ein, das esoterische Geheimnis von Kosmos und Natur, das auf die orientalische Gnosis zurückgeht und mit Mathematik, Geometrie, Alchemie und Okkultismus die materielle Welt erforschen sowie deren Mechanismen auf die Steuerung der
Menschen übertragen will.
3. Die Aufklärung verstärkt diese Kraft zur modernen Fortschrittsreligion, die mit ihren „Sakramenten“ von Wissenschaft, Kapital und Arbeit – mal gemäßigt, mal totalitär – die Technisierung der globalen Produktivität vorantreibt, wobei deren Geldfunktion mit Produkt-Fetischismus und Konsumesoterik die okkulte Herkunft bestätigt und zugleich die Ethik der Altreligionentleert.
Daraus ergeben sich wichtige Rückschlüsse auf die Säkularisierung. Da sie das
Jesusprinzip als Vertretung des Unverfügbaren im Menschen verdrängen, aber
nicht zerstören kann, entmachtet sie strikt dessen machtkirchliche Usurpation.
Säkularisierung bedeutet also nicht nur den Schwund, sondern auch und besonders die Verlagerung religiöser Deutungsmacht, die sich mit dem Charisma von Führung und Reichtum verbindet. Dieser Vorgang wurzelt u.a. im hermetischen Erbe der Antike und Renaissance, das sich auf zentrale Figuren wie Pico della Mirandola und Giordano Bruno, aber auch frühere, orientalische Autoritäten wie Avicenna stützt. Indem die Geheimlehren im Hintergrund wirkten, überstanden sie Inquisition und Reformation, so daß sie im Maße der zunehmenden Freiheiten auch an Attraktivität für Europas Köpfe der neuzeitlichen Naturwissenschaft, Philosophie und Dichtung gewannen.
Sie sorgten für den Dauerimpuls des „Orientalismus“, dessen Wirkung heute
mehr als je zuvor auflebt und den Christengott als allmächtigen Bezug endgültig verdrängt. Indem sie mit den Mathematikern die Technik-Gesellschaft der Moderne anschoben, folgten sie einer Dynamik auf gedanklichem Höchstniveau, die man „Theonik“ nennen kann. In Anlehnung an die Bionik, die Funktionen der Natur nachahmt, bildet die Theonik eine Technik, die Gottes- und Weltbilder mitschöpft, um an deren Machtpotentialen teilzuhaben. Es treten geeignete Eliten auf, die sich zu Stellvertretern Gottes bzw. Hütern der „Komplexität“ machen, wobei der Gottesbegriff selbst trotz aller Säkularisierung eine konstante Größe zwischen Anthropologie, Metaphysik und Offenbarung bleibt.
Diese Gottesproduktion zu Machtzwecken als gemeinsames Erbe der orientalisch- okzidentalen Alchemisten, Philosophen und Mathematiker ist das Markenzeichen der Macht an sich, das sie übergeschichtlich von der Masse trennt und nur über die Eliten sichtbar macht. Seit der Renaissance hat sie sich gegen das trinitarische Dogma positioniert und mit der Wende zum 19. Jahrhundert die Deutungsmacht von Klerus und Adel als in dieser Kombination überlebtes Staatssystem verdrängt. Der Wandel landete nicht in einem „Nirgendwo“ (Sabine Neugebauer-Wölk), sondern vollzog sich in einer raumzeitlichen Grauzone, in der frustrierte Adlige, wagemutige Bürger und visionäre Literaten eine in jener Zeit so utopische wie gefährliche Perspektive für machbar hielten: „Zwei gesellschaftliche Formationen haben das Zeitalter der Aufklärung entscheidend geprägt:
die ‚République des lettres‘ und die Logen der Freimaurerei. Aufklärung
und Geheimnis treten von Beginn auf als ein geschichtliches Zwillingspaar“
(Rainer Koselleck).
In einem längeren Prozeß bestätigte sich die Devise der Aufklärer, daß nämlich
das Mögliche bereits das Wirkliche enthält, daß in der Tat die Macht allmählich
vom alten Kirchenklerus auf die neuen Priestereliten der Wirtschaft, Wissenschaft und Politik überging. Entscheidend für das Verständnis der Fortschrittsideologie ist deren nach wie vor religiöse, orientalisch grundierte Orientierung, in der die Illusion fortlebt, mit der Kirchenmacht nicht nur das Christentum, sondern die Religion an sich erledigt zu haben.
Der kosmische Naturgott, der Geist und Materie vereint, scheint heute für Herrschaftszwecke geeigneter und „säkular korrekter“ als der jüdisch-christliche Gott, der sich weniger direkt mit der Welt verbindet, weil er aus dem Nichts schöpfte und eine trinitarisch machtbegrenzende Ethik verlangt.
3. Von der Alchemie zur Sprachchemie
Als Säule der Aufklärung bildet die Forderung nach Toleranz, Respekt und dem
Menschenrecht der Religionsfreiheit für den Islam eine stabile Begriffsschleife,
die auf zwei Ebenen verschieden weit in die Vergangenheit zurückreicht. Eine
literarisch-ästhetische Kombibasis bildet der erwähnte Orientalismus, den aufklärerische Dichter und Philosophen wie Lessing, Goethe und Herder auf den
Weg brachten. Auf einer politreligiös-sozialen Ebene setzte sich nach dem Zweiten Weltkrieg der heutige „Dialog“ in Gang, der zwar Teile des Orientalismus enthält, aber primär dem Konstruktivismus, dem Haupttrend der Zeit folgt. Hier wird Politik zu modularer Sozialtechnik, in die säkular-theologische Konzepte wie der „Omegapunkt“ (Teilhard de Chardin), das „anonyme Christentum“ (Karl Rahner), das „Weltethos“ (Hans Küng), die pluralistische Theologie u.a.m. auf eine Weise einflossen, die sie zu Instrumenten des erstarkenden Globalismus machte. Das Konzil fügte mit dem „einen Gott“, „den die Christen mit den Muslimen anbeten“, ein politreligiöse Prozeßferment hinzu.
Kurioserweise nahm der Orientalismus, der zur interkulturellen Lebensmitte der
europäischen Moderne avancierte, seinerseits religiöse Züge an, überzeugend
dokumentiert durch die liturgische Festigkeit der „Dialog“-Begriffe. „Frieden“
und „Toleranz“ wurden zu Sprachmünzen, die unempfindlich gegen die Patina
der Wirklichkeit, die Rolle des Durchfahrtszolls auf dem Weg zwischen einstiger
Vision und neuer Realität übernahmen. Nach einem halben Jahrhundert haben
sich diese Begriffe als sprachchemische Bewußtseinswandler etabliert, deren
Immunität die islamorientierte Umformung als dauerhaften Trend, als Wandel
des Weltbilds bestätigt. Es entstand der Wille, dem unklaren, aber vom Alten zu reinigenden Neuen Generalvertrauen zu geben und Widerstände als „Generalverdacht“ abzudrängen, weil der die Gefahr des „Feindbilds“, „Fundamentalismus“ und „Rassismus“ heraufbeschwor.
Hier wurde ein Gesellschaftsumbau fundamentaler Art erkennbar, dessen Methode eine lange Geschichte hat. Denn im Austausch mit den Theoretikern der Philosophie und Wissenschaft filterten schon die Alchemisten, die oft selbst Philosophen und Mathematiker waren, Muster aus ihren Experimenten, die sie über logische Assoziationen in den Sozialbereich übertrugen. Wer ständig irgendwelche Substanzen bestimmten Prozessen unterzieht, mit anderen Stoffen behandelt, mit Katalysatoren oder sonstigen Maßnahmen beeinflußt, mit kosmischen Konstellationen und Naturzuständen korreliert, auf Heilung und Schönheit des Körpers ausrichtet sowie all dies in zahllosen Varianten wiederholt, kann sich Denkwegen, die den religiösen Rahmen aufbrechen, kaum entziehen. Sie führen nicht nur in die wissenschaftliche Forschung, sondern aktivieren auch Assoziationen, die soziale Konzepte nach technischen, biologischen und – sprachlichen Mustern öffnen.
Da sich diese Methodik nicht nur in der Wissenschaft, sondern auch in der Politik der Fürstenhöfe bewährte, läßt sie sich als Tradition der Philosophen und Mathematiker verfolgen, unter ihnen neuzeitliche Größen wie Descartes, Leibniz und Spinoza. Indem sie unter Rückgriff auf die alchemistisch inspirierten Sozialvisionäre eine „Gesellschaft nach geometrischen Mustern“ in den Blick nahmen, stellten sie die Weichen, die in die Sozial- und Börsentechnik der Gegenwart führten. Unter Ägide der USA formierte sich in Europa eine Netzwerkgesellschaft von Konsumenten, Jobnomaden und Volksanlegern, die sich graduell nach Codes der Funktionalität, Profitabilität und interkulturellen Korrektheit anordnete.
Dabei spielten das Profitkalkül und andere Kulturen die Rolle von Katalysatoren,
die über die Rituale des „Dialogs“ die Institutionen der Staaten bevorzugt
dem zuwandernden Islam öffneten.
Einer chemophysikalischen Reaktion nicht unähnlich, bilden die Nomadenbürger
eine „Bewegung“, die einen „Mainstream“ übersteigt, weil der Hauptstrom die
Nebenanteile zunehmend verdrängt. Diese Ladungsverteilung wird zuweilen mit
dem „Lösen und Binden“ der galvanischen Elektrolyse verglichen, in der immer
mehr Ionen einem Pol zustreben. Dabei folgen die Plus- und Minusladungen
sprachchemischen Signalen wie „Frieden“ und „Bereicherung“ bzw. „Feindbild“
und „Islamophobie“, die ursächlich auf die alchemistische Destillation des Kostbaren zurückreichen. So wie das Gold aus dem Erz, so ließ sich das „Seelengold“ – Demut, Unterwerfung und Steuern – aus dem Volk holen, ein Prinzip, das in der Sozialtechnik der Migrationspolitik und in den Rettungspaketen der Börsenkrisen seine Fortsetzung findet.
In der Rückschau stellen sich Renaissance, Reformation und Aufklärung als
Schubphasen eines Schnittraums europäischer Geschichte dar, in dem sich die
hermetische Tradition (Alchemie, Magie, Astrologie) als Machttechnik der Moderne auf neue, immer abstraktere Ebenen hob, eine in der Tat komplexe Entwicklung, die man die Emanzipation der Macht von der Religion durch Wissenschaft nennen kann. Es entfalten und pluralisieren sich Geist und Natur, Ratio und Intuition, theoretische und praktische Vernunft, Wissen und Glauben, Religion und Metaphysik, Politik und Moral, Bewußtes und Unbewußtes und begründen die für Europa typische, in der Welt einzigartige Pluralkultur. Sie erzeugte die Kette der Denkwege wie Humanismus, Skeptizismus, Szientismus, Liberalismus, Konservatismus, Sozialismus, Evolutionismus, Psychologismus, Konstruktivismus, Kulturalismus etc. und integrierte bzw. entkernte die Kulturkritik als dialektische Stütze des Fortschritts.
Hier zeichnet sich schließlich auch – neben Kirche und Staat – das dritte Feindbild der Aufklärung ab: das „Cogito“ des René Descartes. Dessen Koordinatenkreuz symbolisierte und technisierte beispielhaft die dualistische Stellung des Menschen zwischen Geist und Materie, Gott und Tier, Sein und Schein. Diese grundlegende Ambivalenz flößte dem großen Mathematik-Philosophen die existentielle Befürchtung ein, es in der Verwechselbarkeit von Gott und Mensch vielleicht auch mit einem „Gott als Betrüger“ zu tun zu haben, dem allerdings längst nicht mehr der jüdisch-christliche Gottesbegriff zugrunde lag.
Im Streben nach objektiven „Fakten“ behindert Descartes den modernen Werte-Relativismus, der das Mögliche ins Wirkliche zieht bzw. zwingt. Er ersetzt den Absolutismus des Feudalstaats durch den Absolutismus des technischen Produktprozesses, indem er die Zukunft in die Gegenwart holt, das subjektive Bewußtsein durch Zeit- und Arbeitsteilung zerstreut und in der pluralen Sozialvernetzung aufgehen läßt.
Im historischen Prozeß mischen sich die diversen Denkrichtungen
in monistischen (von Mensch und Materie her gedachten) bzw. dualistischen
(zwischen Mensch und Gott, Physik und Metaphysik stehenden) Konzentrationen, wobei erstere primär auf der induktiven und letztere eher auf der deduktiven Logik beruhen. Gemeinsam bilden sie die Derivate der Geschichte, die sich insgesamt dem bis heute wirksamen Impuls des alchemistisch inspirierten Gesellschaftsbaus verdanken.
Dessen „geheime“ Kriterien, die Arkana, traten mit der explosiven Entwicklung
der Wissenschaft und Geldfunktion ab dem ausgehenden 17. Jahrhundert immer deutlicher hervor. Sie wurzeln ursprünglich in den Elementen der vorsokratischen Philosophie und Wissenschaft (Wasser, Erde, Feuer, Luft) sowie der archimedischen und pythagoräischen Geometrie (Zahlen, Flächen, Körper), die u.a. von Platon und Aristoteles weiterentwickelt und von der christlichen Theologie adaptiert wurden. Unter gnostischem Einfluß schloß daran der altägyptischarabische Hermetismus an, der seit der Renaissance den Gang nicht nur des Geistes, sondern auch der Macht in Europa mitgestaltet. Denn Gnosis enthält jenes Machtprinzip, das man heute „Systemüberwindung“ nennt.
In dieser überaus komplexen Verbindung schaltet sich das Denken mit der
Schöpfung gleich, indem es ursächliche Verbindungen zwischen Kosmos, Natur
und Mensch herstellt. Im Universum aus Geist und Materie spannt sich ein
Machtspektrum zwischen Elite und Masse auf, das die Schöpferfunktion übernimmt, das göttliche Herrschaftsprinzip an sich zieht und die Menschen über Religionen, Kulte, Weltbilder etc. lenkt. Diese Deutungsmuster entstehen aus der Interaktion von gedanklicher Abstraktion, sozialem Wandel und politischer Führung, eine historische Trialektik, die wie kaum oft genug betont werden kann, bereits im alchemistischen Wandlungskonzept zwischen theoretischer Spekulation, praktischem Experiment und dynamischer Assoziation grundgelegt ist.
So wie das Gold, der edelste aller Stoffe, an der Spitze der Arkana steht, so adelt er die Macht als kraftgewordenen „Stein des Leviathan“ (Thomas Hobbes) zum Arkanum der Menschen. Die Eliten bilden den universalen Magneten, dessen kosmische Aufgabe es ist, das Gute, also das seelische und finanzielle Gold der Menschen an sich zu ziehen. Denn so wie sich das Edelmetall aus dem Erz gewinnen läßt, so aktiviert die Allianz der Magier und Priester, der Päpste, Kaiser und Kalifen die Suggestion der Kulte und Religionen, das Prestige der Macht und zuweilen auch die Gewalt, um das Gute aus den Menschen zu destillieren – ihre Verehrung, Demut, Arbeit und Steuerzahlung, gesichert durch die Kontrolle der Frau.
4. Kulturwandel durch Zeitschwund
In diesem universalen Kontext bildete die Zeitenwende durch Christus ein epochales Machthindernis, das man entweder vereinnahmte – wie die Gnostiker – oder bekämpfte – wie der Islam und die Aufklärung – oder auch auf bestimmte Zwecke zuschnitt – wie der Protestantismus auf die Rechtfertigung und der Hermetismus auf die Gestaltung der Welt. Während es ihnen heute kaum bewußtist, folgen auch die säkularen Wirtschafts- und Politpropheten, Zukunftsforscher, Kulturgurus und sonstigen Deutungshelfer diesem alchemistisch grundierten Muster, das der Macht über den Menschen systematische Strukturen gibt.
Die Mahnung Papst Benedikts XVI., „im Rahmen von Glaube und Wahrheit das
enorme Potential menschlicher Vernunft zum Guten heranzubilden“, findet hier
abnehmende Resonanz. Je weiter die moderne Dynamik ihr Profitkalkül in die
globalen Menschenströme, psychotechnischen Gesellschaftskonzepte, flexiblen
Arbeitsnetze und Echtzeitbörsen integriert, desto klarer tritt ihr Prinzip als „unsichtbare Religion“ hervor. Sie ist die Weiterentwicklung des aufklärerischen Naturglaubens, der nun als okkult-fetischistischer Anbetungshybrid im Markt- Sechseck Wissenschaft, Technik, Arbeit, Börse, Entertainment und Fremdkultur schillert und im „Markt der Religionen“ zunehmend auch die Altreligion aufsaugt.
Über konforme Medien erscheint dieser Prozeß als „öffentliche Meinung“, als
ein die gesamte Gesellschaft umfassender Konformismus. Verstärkt durch die
Bewußtseinsfilter der audiovisuellen Kommunikation, entsteht jene technisch
vernetzte Korrektheit, die immer weniger weiß, wem sie gehorcht. Solches bedingt freilich, daß die sichtbaren elitären Akteure – Politiker, Professoren, Priester – selbst nur Statisten, besser: statistische Elemente eines dynamischen Systems sind. Daraus wuchs ihnen das Logo der „Dressurelite“ zu, eine machtvermittelnde Funktionsebene, die Pierre Bourdieu am Beispiel des französischen „Staatsadels“ darstellt. Als höhere Dienstorgane gehören die „staatsadligen Dressureliten“ jedoch nicht zum eigentlichen Adel, den spitzenelitären, global etwa 300 Shareholder-Familien, die die Hälfte des Weltvermögens kontrollieren.
Die gehobenen Dressanten gehen ihren Aktivitäten in aller Regel eher unbewußt, oft opportunistisch und sehr selten im Wissen um ihre Rolle nach, die sie gleichwohl zu maximierter Effizienz im interkulturellen „Wettbewerb“ zwingt.
Dessen Finanzkraft erzeugt eigene „Dialog“-Hierarchien in den Institutionen,
deren Radikalisierung in den aktuellen Haßkampagnen gegen Kirche und Staat
ihre jakobinische Herkunft verrät. Sie arbeiten einem neofeudalen Meta-
Imperium zu, in dem sich überstaatliche Allianzen mit den „Emerging Markets“
(Islamregion, Indien, China) formieren. Dabei übernimmt die EU/OICKooperation
eine Pilotfunktion, die notwendig imperial, also völlig undemokratisch in die EU-Staaten hineinregiert.
Die Gründe sind bekannt: Seit vielen Jahren mit Öl, Geld und Billigarbeit gesegnet, nimmt der Islam in der finanzkulturellen Prioritätenliste eine führende Position ein, die mit der Verschuldung der westlichen Staaten, mit der wachsenden Kursgewalt islamischer Portfolien an den Börsen und mit der Refinanzierung von EU-Staatenbudgets und US-Bonds ständig verstärkt wird. Daß in dieser Akkumulation ein brisanter Sprengsatz steckt, bewies die laufende Finanzkrise.
Wie sich zeigte, im Westen freilich nur dünn berichtet, lösten nahöstliche „Player“ die Dominokette der Kursbaisse am 15. September 2008 aus, als sie binnen einer guten Stunde um die 700 Milliarden Dollar aus den USA abzogen.
Was lange zwischen „Geheimwissen“ und „Obskurantismus“ schillerte und auch
die Aufklärer faszinierte, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als Machtdialektik, die auf der Kombination von Gottesbildern und Steuersystemen beruht. Hier kehrt der europäische Geistesgang seine sozialtechnische Komponente hervor, deren Sprache um das „Lösen und Binden“, „Verflüssigen“ und „Verfestigen“ ganzer Gesellschaften kreist und das Denken und Schreiben der Renaissance-Alchemisten über die Neuzeit-Physiker bis hin zu den modernen Zeitsoziologen kennzeichnet.
Dies überzeugt umso mehr, als das „Lösen und Binden“ auch koranische Doktrin ist, die den zerfallenden Facetten moderner Weltwahrnehmung neue Strukturen geben kann. Zunehmend gleichen sie jenen Weltfacetten, die Allah – abweichend von der creatio continua des jüdisch-christlichen Gottes – ganz ausdrücklich in jedem Moment neu schöpft, um die Welt in seinem Sinne zu verändern. Mit der Denk- und Zeitzersplitterung des technisch-elektronischen Zeitalters konnte daher – aus muslimischer und logischer Sicht – immer legitimer von einem „Fortschritt mit Allah“ die Rede sein. Denn der schöpft simultan die Welt des Unglaubens und versetzt sie nun in einen Zustand, der sie auf die Übernahme durch die Gläubigen vorbereitet, wobei der zeitbedingte Seinsschwund des Westens wie von ihm selbst geschaffen scheint. Denn wie er unentwegt wiederholt, ist Allah nicht nur die Zeit selbst, sondern auch der „beste Ränkeschmied“, der in die Irre führt, wen er will – eine so logische wie unerwartete Bestätigung des Descartes’schen „Betrügergottes“.
Kein Wunder, daß die technische, nun interkulturell verstärkte Vernetzung der
Gesellschaft diversen Wissenschaften, allen voran der Orientalistik und Soziologie, Verunsicherung und Krisen beschert. Insbesondere letztere war als Wissenschaft der Gesellschaft mit dem Anspruch angetreten, anstelle der Kirche die Ursachen und Wirkungen sozialen Handelns deuten und in eine ethischpragmatische Vernunft überleiten zu können. Als Abkömmling der Aufklärung ist sie das Paradebeispiel für moderne Verwertungsdynamik, die nicht am Abbau von Christentum und Staat stehenbleibt, sondern auch eigene Wissenszweige in ihrer Strukturmühle zeitgerecht zermahlt.
Insofern erscheint die Debatte höchst aktuell, welche die Soziologie nun um das „Verschwinden des Subjekts“ führt. Hier steht nicht weniger als der Mensch, der Gegenstand ihrer Forschung selbst auf dem Prüfstand. Er ist einer ständigen Kompression des Zeitbewußtseins ausgesetzt, die den „Gegenwartsschwund“ bewirkt, eine Zwangsfolge der Technisierung und geldcodierten Nivellierung aller „Werte“. Sie erzwingt ihrerseits eine massive Verarmung des Denkens, die sich in der absinkenden Fähigkeit ausdrückt, Vergangenheitserfahrung mit Zukunftserwartung zu verbinden. Die Vergangenheit – oder auch „Tradition“ – wird laufend beschnitten und mit schwindenden Resten in die Gegenwart genommen, die ihrerseits immer „neuer“ wird, indem sie im Beschleunigungsrad der „Innovation“ die Zukunft in die Gegenwart dreht, um die diesseitige Erlösung zu vollenden. All dies ist bekannt und wurde so oft beschrieben wie nicht verstanden, ein Dilemma, dem das theonische Machtkonzept nun Abhilfe schafft, indem es Allah in den Erlösungsprozeß einsetzt.
Dies leuchtet umso mehr ein, als die Soziologen die zeitbedingte Denkauflösung – in erstaunlicher Häufigkeit und Varianz – mit Begriffen der Alchemie beschreiben.
Unter anderem tritt bei ihnen die moderne Gesellschaft in diversen
„Aggregatzuständen“ auf, deren Beschleunigung dynamische Phasen der „Verflüssigung“ und „Verdampfung“ bewirkt, die bis zum Paradox des „rasenden Stillstands“ (Paul Virilio) gehen. Man ringt um Erklärungsmodelle, wobei Hartmut Rosa genau und berechtigt weiß, wo man sie nicht suchen soll: „Zu deren sozialwissenschaftlicher Erforschung und sozialphilosophischen Deutung vermag ein halbgarer esoterisch-holistischer, pseudo-naturwissenschaftlicher Zeitbegriff nicht viel beizutragen“ (Hartmut Rosa, Beschleunigung, 65).
Dem ist umso mehr zuzustimmen, als die neo-alchemistische Wortwahl der Zeitsoziologen eine ganze Kette authentischer Vorläufer hat, die sich über die Wissenschaftsentwicklung Europas auf die Renaissance-Denker zurückführen läßt.
In ihrer Ablehnung der „Ursprungslogik“ sind die Soziologen auf die Prozeßlogik
flächiger Interaktion getrimmt, weniger auf die Tiefendimension historischmetaphysischer Zeitlogik. Wenn sie dennoch in der Begriffs- und Methodenwelt der Theonik landen, so ist dies ein starkes Indiz für deren Kontinuität, speziell mit Blick auf die moderne Machtevolution. Offen bleibt die ursprungslogische Frage, was denn eigentlich die Zeit, die untrennbar an den Geist des Menschen gebunden ist, umgreifen und antreiben könnte. Für die interkulturelle Ideologie und ihre EU/OIC-Eliten gibt es hier nicht den geringsten Zweifel: Allah ist die erste und einzige Alternative.
5. Ein islamischer Aufklärer
In diesem umfassenden Strukturprozeß löste die Psychologie den Klerus auf ihre Weise ab. Auf persönlicher Ebene ersetzte sie die Seelsorge, und im ideologischen Bereich öffnete sie eine neue Erzader des „Guten“. Es ließ sich aus der Psyche des „Massen-Individuums“ destillieren, indem man ihm suggerierte, im Dienst an der Macht dem eigenen Interesse, dem „Realitätsprinzip“ seiner selbst zu dienen. Immer öfter ist die Rede vom Menschen als „Serienprodukt“, dessen Bewußtsein so schwindet wie die „Komplexität“ zunimmt. Der Zwang, dem quecksilbrigen Mainstream der Macht zu folgen und zweckdienliche „Fakten“ zu erzeugen, verstärkt allerdings die Asymmetrie der Macht-Eliten-Geld-Triade, die sie ihrerseits zu Diffamierung, Korruption und Betrug zwingt.
Folgerichtig reagieren die Akteure immer reflexhafter und radikaler auf widerständige Signale und agieren wie Bauchrednerpuppen, denen man den Willen gebrochen hat, ganz im Sinne Kants, dem zufolge der Mensch „einen Herrn brauche, der ihm den eigenen Willen breche und ihn nötige, einem allgemeingültigen Willen … zu gehorchen“. In charismatischer Konkurrenz überbieten sie sich, die „Stimme ihres Herrn“ zu imitieren, wobei sie tendenziell damit rechnen können, als Platzhalter der Macht früher oder später auch einen machthaltigen Platz zu besetzen (Pohlen, Bautz-Hausherr, Eine andere Aufklärung, 73 f.).
Ein gutes Beispiel dieser interkulturellen Techno-Dynamik lieferte der iranstämmige Buchautor Navid Kermani, der sich in der Manipulation des öffentlichen Reflexdenkens eine bemerkenswerte Virtuosität angeeignet hat.
Unschwer erkennbar läßt sich auf dieser Klaviatur, einmal erkannt, umso leichter spielen, je weiter Denkzerstreuung und Indoktrination fortschreiten. Allerdings müssen die Akteure auf die Abstimmung von Thema und Timing achten, weil sie erst in ihrer geglückten Kombination den optimalen Täuschungserfolg sichern.
Eine solche Gelegenheit, wenn nicht gar Sternstunde der öffentlichen Reflexkaskaden entstand im Vorfeld der Verleihung des Hessischen Kulturpreises im Mai 2009. Zunächst lehnte der Orientalist Fuat Sezgin mit unverhohlenem Antisemitismus die Annahme des Preises ab, weil er ihn zusammen mit Samuel Korn, Mitglied des Zentralrats der Juden in Deutschland, erhalten sollte. Als Ersatz wurde besagter Kermani nominiert, der wiederum für die Mitpreisträger, den katholischen Bischof Lehmann und den evangelischen Präses Steinacker, Anlaß genug war, ihrerseits auf den Preis zu verzichten. Als Begründung gaben sie einen Artikel an, in dem Kermani im März gleichen Jahres seine Erkenntnisse bei der Betrachtung eines Christusbilds des Malers Guido Reni schilderte. Aus einer Reihe von Beleidigungen des Christentums, die Kermani – als erklärter Vertreter muslimischer Toleranz – mehr oder minder subtil formuliert hatte, ragte die für die Geistlichen gänzlich inakzeptable Sottise heraus, nach der es sich bei der Kreuzigung Christi um einen Akt der „Pornographie und Idolatrie“ handele.
In Deutschland, das auf die Standards seiner interkulturellen Toleranz stolz ist,
schien solche Kritik offenbar nicht möglich. Die Fülle der aggressiven Proteste,
unter anderen von der Blog-Betreiberin und Iranistin Gudrun Eussner aufgezeichnet und kommentiert, machte deutlich, daß Christen keine Toleranz erwarten können. Vielmehr legte die Vielzahl öffentlicher Bedenkenträger Wert darauf, die „intolerante Haltung“ der Geistlichen, also ihren Anspruch auf einen
eigenen Glauben, scharf zu verurteilen und die „Sensibilität“ zu loben, die Kermani seiner Bildinterpretation vermeintlich angedeihen ließ.
Dessen Empfindsamkeit bestand wesentlich darin, wenngleich nur „aus Versehen“ in die betreffende Kapelle geraten, die Kreuzigung mit islamischer Ausführlichkeit als Gegenkonzept zu diffamieren und die Auferstehung des Gekreuzigten zu verschweigen, die bekanntlich eine metaphysische Einheit und das eigentliche machttechnische Ärgernis bilden. Ebenso ließ sich feststellen, daß der kollektive Protest in der Tat als Reflex ohne Reflexion erfolgte. Weder gingen die Tiraden auf den theologischen Inhalt, noch auf die Einsichten des Autors selbst ein. Der konnte nun den Eindruck gewinnen und auch den Anspruch erheben, eine sakrosankte Position als „Brückenbauer der Religionen“ zu besetzen, sozusagen ein deutsch-iranischer Religionsbotschafter der besonderen Art – schlicht: ein Mega-Missionar zu sein.
Man kann Kermani zwar sowohl durchschnittliche Begabung als auch ein
Schrifttum bescheinigen, das sich plagiierend an Erzeugnissen anderer bedient
(vgl. Raddatz, Allah im Wunderland), keinesfalls wäre es jedoch zulässig, diesem Akteur Dummheit zu unterstellen. Denn derart bestätigt durch die interkulturellen „Intellektuellen“, blieb dem ausgeprägten Ego des „toleranten“ Religionsbotschafters im Grunde nichts anderes übrig, als die Erwartungen der „Dialog“-Phalanx zu erfüllen, sich also weiter aufzublähen und seine Meinungsmeute auf erhöhte Touren zu bringen. Seine Wahl fiel auf ein Erlebnis, das er ein halbes Jahr zuvor, genauer an Allerheiligen 2008, gehabt hatte und nun als „Brückenbauer“ in der Neuen Zürcher Zeitung zu Papier brachte.
Hier ging es um die Einladung des Rom-Redakteurs der WELT und Mitautors
des Vatikan-Magazins, Paul Badde, zu einem gemeinsamen Besuch eines kleinen Klosters auf dem Monte Mario, um dort eine dem Vernehmen nach ungewöhnliche Marien-Ikone zu betrachten. Erneut folgte Kermani den interkulturell bewährten, d.h. islamisch orientierten Mustern: Die katholische und damit christliche Welt ist grundverkehrt, weil sie sich in „heidnischer“ Ordnung auf die Inkarnation in einem einzigen Menschen als „Leidensgott“ fixiert und die Nonnen lebenslang in Klöster einsperrt, wo daher auch ihre Chöre kaum das Niveau eines „Singsangs“ überschreiten können.
Daß aus dieser Sicht weder die klösterliche Freiwilligkeit, noch die Jungfräulichkeit, geschweige denn die Jungfrauengeburt diskursfähig sind, versteht sich von selbst. Die offenbar gut gemeinte Kritik der Autorin Necla Kelek in der WELT (27.06.09), die sie dort nicht in ihrem sonstigen Stil und Ausdruck formuliert, erkennt die gezielten Kermani-Apercus nur als „eloquente Nuscheligkeit“.
Sie muß daher an der üblichen Oberfläche der islamischen Jungfräulichkeit als
biopolitischer Bedingung verharren und dem vermeintlich Kritisierten zustimmen, der unter Jungfrau eine „von der Erfahrung Gereinigte“ versteht. Solches begründet zwar eine contradictio in adiecto, die zu vermeiden freilich die Denkpotenz sowohl des Autors als auch seiner Bewunderer übersteigt.
Zwar hätte dies der Kritikerin als Frau auffallen können, doch darf sie im Zeitalter der Wortgestöber auf einen Entropiebonus hoffen. Wenn sich jedoch die kulturelle Andersartigkeit der Frau in Europa durch klerikale Abwertungen der Vergangenheit, so islamähnlich sie sein mochten, nicht beseitigen ließ, so hat dies ebenfalls metaphysische Gründe. Deren Diskussion wäre nun jedoch nicht von Necla Kelek, sondern allenfalls vom Klerus zu erwarten, der jedoch längst den „einen Gott der Christen und Muslime“ anbetet. Somit hat er keine Veranlassung, den „Ketzern“ Lehmann und Steinacker beizuspringen, geschweige denn die Toleranz-Ikone Kermani zu kritisieren, deren Strahlkraft offensichtlich begonnen hat, die der Altikonen zu übersteigen.
Allerdings ging es dem Mega-Missionar bei der Monte-Mario-Maria noch um
etwas gänzlich anderes. So auffallend wie unnötig berichtet er, daß sein
„Freund“ Paul Badde (ohne Namensnennung) vor Betreten des Klosters in ein
Gebüsch an der Gebäudemauer urinierte, genauer: „pinkelte“. Wer den Islam und seine Agenten wie Kermani kennt, weiß in der Regel, daß nicht nur die Wortwahl,sondern auch der Bericht selbst unverzichtbar für die Betonung der islamischen Reinheit sind. Insofern erscheint Baddes Handlungsweise wie eine Eingebung, mit der Allah den Ungläubigen auszeichnete, um Botschafter Kermani die Gelegenheit zu geben, den unbefleckten Glanz des Islam zu verkünden. Auf gar nicht so kuriose Weise kann dieser Einzelfall belegen, was wir hier als technische Lebensmitte der euro-islamischen Transformation insgesamt vorstellen.
Es ist nicht nur die reflexhafte Denkblockade der Toleranztrunkenen, die Allahs
Überlegenheit beweist, sondern auch ihre masochistische Gefühlsdemut. Vereint suggerieren beide den Protagonisten, im Dienst am Islam die lang ersehnte und in der westlichen Bürgergesellschaft verlorene Selbstverwirklichung und Rationalität erlangen, d.h. nur im Islam eine kohärente Persönlichkeit werden zu können, eine Ideologie also, die sich symbiotisch im Islam spiegelt. Allerdings enthält sie nicht nur den masochistischen Aspekt, indem Badde und Gleichgesinnte sich letztlich willig nutzen lassen, auch wenn sie nicht gefragt werden. Denn als unvermeidliches Pendant tritt auch der sadistische Part hinzu, den vorliegend Kermani gibt, indem er seinen „Pinkel-Freund“, dessen Identität leicht ermittelbar
war, der Öffentlichkeit wissentlich ausliefert.
Nun ist der Sadomasochismus nicht nur sexuell, sondern insbesondere auch
homosexuell konnotiert, was Kermanis Insistenz auf Urin eine ganz spezifische
Note verleiht. Indem er auf Badde zielt, will er die Kirche treffen, in deren Exponenten – Jesus und Gottesmutter – er einen „Sadismus“ erkennt, der ihm sowohl „abstoßend“ als auch – und dies psychoanalytisch keineswegs zufällig – „pornographisch“ erscheint. Nach Freud’schem Prinzip der zwangsneurotischen Objektwandlung sucht sich der Sadist ein Ersatzziel, um seine Aggression nicht gegen sich selbst zu wenden. Dieses Muster zeichnet nicht nur den Mega- Missionar, sondern viele Muslime aus, die sich dort abholen, wo sie stehen, um die westliche Zivilisation zu bekämpfen und zugleich von ihr zu profitieren.
Gleichwohl bietet ihnen die eigene Ideologie eine breite Palette von Projektionen, die von den westlichen Ekelgestalten entlasten. Abgesehen von seinen zahlreichen, fast schon banalen Tötungsgeboten verschafft der Islam seinen Gläubigen kongeniale Erleichterung durch die für unseren Fall sinnige Bestimmung, nach der die Nichtmuslime nicht mehr wert sind als Urin und Kot. Für Kermanis Vorbild Ayatollah Khomeini ergibt sich daraus die Konsequenz, daß man diese Überflüssigen und überaus Abstoßenden entsprechend schnell entsorgen soll und nur bei der Aussicht auf konkrete Besserung am Leben lassen darf.
Inwieweit die fäkalienbesetzte Gewaltbotschaft eine tiefenpsychologische Verbindung zwischen Homosexualität, Frauenfurcht und Geld offenlegt, hat Janine Chasseguet-Smirgel mit großer Resonanz untersucht, wobei Khomeinis Wahrnehmung keineswegs allein steht, sondern auch Parallelen bzw. Vorläufer in anderen Religionen hat. So zum Beispiel im heutigen Buddhismus und im Klerikalismusdes Mittelalters, nicht zu vergessen die Hardline-Gnostiker, die am
liebsten völlig ohne Frauen auskämen. Der bürgerlichen Ordnung halber und zur
Vermeidung ebenso bürgerlichen Irrtums sei betont, daß der klösterliche Pas-de-Deux der Badde-Kermani-Freundschaft gewiß nicht unter diese Rubrik fällt.
Gleichwohl beweist Kermani an der Fäkalien-Schnittstelle im Sinne von Abfall
echt islamische Intelligenz. In scheinbarer Freimütigkeit berichtet er darüber,
welch seltsame Wirkungen der (westliche) Medienbetrieb auf ihn ausübt, indem dessen hektische Betriebsamkeit dazu zwingt, ständig „Abfall“ zu erzeugen (NZZ 03.07.09). Zwar hat er insofern Recht, als die Medienmühle in der Tat massenhafte Entropie hervorbringt, doch verschweigt er seinen Lesern, daß sie sich dem Prozeß verdankt, der die euro-islamische Transformation antreibt. Insofern bildet auch sein Markenzeichen, gedrechselte, inhaltslose Wurmsätze, auf individueller Ebene jenes entropische Wortgestöber ab, das der Öffentlichkeit seit Jahren jedes Verständnis für die eigene Zukunft vernebelt.
Worum es ihm eigentlich geht, macht der Mega-Missionar an der Einsicht fest,
daß im westlichen Kontext der „Abfall“ Geld bringt, eine Erkenntnis, die als
„Trugschluß“ islamische Skrupel bereiten könnte, nun aber mehr als akzeptabel
wird. Ihm wächst eine „Win-Win-Situation“ der besonderen Art zu, weil diejenigen, deren Existenz er mit seinen Schriften schwächt, dafür auch noch bezahlen.
Hinzu kommt, daß er mit Josef Beuys einen kongenialen Gewährsmann beiziehen kann, der sicher auch die Gesinnungsgenossen des „Dialogs“ überzeugt.
Beuys hatte die Parole von der „Kunst als Prozeß“ ausgegeben und mit abstrakten Fettskulpturen eine Menge Geld gemacht. Seine von unserem Religionsbotschafter zitierte Sentenz gipfelt in der künstlerischen Vision, die Produkte kreativen Schaffens als zwanglos „Erbrochenes“ zu sehen – eine überaus fruchtbare Ästhetik des Häßlichen. Denn sie kann dem in dieser Welt Fremden allen Ekel vor ihren Merkmalen und damit auch die Skrupel nehmen, sie zu zerstören, nichts anderes also als die gnostische Weltüberwindung, die in allen totalitären Systemen wiederkehrt. Sie nimmt regelmäßig die zwanghafte Aura des Schönen für solche an, die in der Welt, vor allem der bürgerlich-westlichen Version, die reine Antiwelt, wenn nicht gar die Ausgeburt der Hölle erkennen müssen, weil sie die abgelehnte Ordnung und deren abstoßende Menschen vertritt.
Erneut kann sich der Kreis zum kirchen- und staatsfeindlichen „Dialog“ als Erbe
der Aufklärung schließen. Dessen Vertreter treten als Neo-Jakobiner auf, die
dem verhaßten Schwundvolk der Christen und Demokraten immer unverhohlener drohen, daß am Horizont eine neue Welt aufdämmert, in der für sie kein Platz bleibt. Insgesamt stellt sich dieser Vorgang als historisch gewachsener, monetär getriebener Prozeß der sozialen Technisierung und Radikalisierung dar, der gute Chancen hat, sich frei nach Beuys-Art „zu erbrechen“. Nirgends lassen sich Systembremsen ausmachen, die den Strukturwandel daran hindern könnten, sich früher oder später auch Gewaltpraktiken anzueignen, die tendenziell über die bereits intakte Meinungsdiktatur hinausreichen.
Der zeitbedingte Denkschwund, die demographische Schrumpfung und der umfassende, geldcodierte Wertewandel lassen es wenig plausibel erscheinen, daß es für Europa einen Fortschritt ohne Allah gibt.
Dr. Hans-Peter Raddatz, Orientalist, Volkswirt und Systemanalytiker, ist Ko-
Autor der „Encyclopaedia of Islam“ und Autor zahlreicher Bücher über den
Islam.
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Quelle: http://www.die-neue-ordnung.de/
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Ich weiß nicht was ihr Arzt empfiehlt, ich empfehle die Grüne Pest
"Die Weisen werden Ehre erben; aber wenn die Narren hochkommen, werden sie doch zuschanden." (Sprüche III, 35)
"Und die Verständigen im Volk werden viele andere lehren; darüber werden sie fallen durch Schwert, Feuer, Gefängnis und Raub" (Daniel XI, 33)
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